Neue Modelle, flexible Strukturen und digitale Möglichkeiten sollen die politische Arbeit mit dem Familienleben vereinbaren – ein Schlüssel für mehr Vielfalt und Chancengleichheit in der Politik.
Wer sich politisch engagieren möchte, stößt schnell auf eine zentrale Frage: Lässt sich ein Mandat mit Familie, Kindern oder Pflegeaufgaben vereinbaren? In Deutschland lautet die ehrliche Antwort bislang oft: Nur schwer. Die Vereinbarkeit von Familie und politischem Engagement ist seit Jahren ein Reizthema in Deutschland. Während Unternehmen zunehmend flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice-Regelungen einführen, hinken viele politische Gremien hinterher. Dabei betrifft die Frage, wie familienfreundlich die Arbeit in kommunalen, Landes- und Bundesparlamenten gestaltet werden kann, nicht nur die Abgeordneten selbst, sondern auch die demokratische Repräsentation: Wenn junge Eltern, Alleinerziehende oder pflegende Angehörige kaum die Möglichkeit haben, ein Mandat auszuüben, bleibt die politische Landschaft einseitig.
Kommunalpolitik: Ehrenamt zwischen Kita und Stadtrat
Auf kommunaler Ebene engagieren sich Hunderttausende Menschen ehrenamtlich in Stadt- und Gemeinderäten. Doch gerade hier stoßen viele an ihre Grenzen. Sitzungen finden oft abends statt – nach einem vollen Arbeitstag und während zuhause Kinder ins Bett gebracht werden müssten.
Vorschläge, um hier Abhilfe zu schaffen, reichen von flexibleren Sitzungszeiten über digitale Teilnahme-Möglichkeiten bis hin zu Kinderbetreuungsangeboten während Sitzungen. Einige Kommunen haben bereits reagiert: In München oder Hamburg etwa können Ratsmitglieder unter bestimmten Umständen online an Sitzungen teilnehmen. Zudem gibt es in manchen Städten wie auch in München Sitzungsgelder mit Zuschüssen für Kinderbetreuungskosten – ein Schritt in Richtung Chancengleichheit.
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat das Thema mittlerweile ebenfalls aufgegriffen. In einer Empfehlung heißt es, Kommunalpolitik müsse „im 21. Jahrhundert ankommen“ und dürfe „nicht nur denen vorbehalten bleiben, die zeitlich und familiär völlig ungebunden sind“.
So schaut es in Bad Aibling aus:
Martina Thalmayr
Im Stadtrat von Bad Aibling sitzen aktuell gerade mal 8 Frauen unter 24 Mitgliedern, im Kreistag Rosenheim sind es 18 von 70. Nur 5 der Stadträt*innen sind Angestellte – alle anderen sind selbstständig oder im Ruhestand und können sich ihre Zeit freier einteilen. Beschäftigte aus Pflege, Bildung, Handel oder Gastronomie fehlen fast völlig. Kein Wunder, bei Sitzungsterminen um 17 oder 18 Uhr und ohne jegliche Art von flexiblen oder digitalen Beteiligungsmöglichkeiten. Wenn unsere Parlamente ein echtes Abbild der Gesellschaft sein sollen, brauchen wir familienfreundlichere Strukturen – auch bei uns vor Ort.
Landesparlamente: Moderne Arbeitsstrukturen statt Präsenzpflicht
Auch in den Landesparlamenten ist der Alltag für Abgeordnete mit Familie eine Herausforderung. Landespolitikerinnen und -politiker pendeln häufig zwischen Wahlkreis und Landeshauptstadt, müssen Plenarsitzungen, Ausschüsse, Fraktionsarbeit und Bürgertermine unter einen Hut bringen. Sitzungen, Fraktionsarbeit, Wahlkreistermine und Medienpflichten summieren sich zu einer Arbeitswoche, die leicht 60 Stunden überschreiten kann.
Zwar genießen Abgeordnete eine gewisse Unabhängigkeit in der Gestaltung ihres Terminkalenders, doch die Kultur der ständigen Erreichbarkeit und Präsenz erschwert eine echte Vereinbarkeit.
Mehrere Landtage, darunter der Schleswig-Holsteinische und der Thüringer Landtag, haben begonnen, Elternzeiten für Abgeordnete zu ermöglichen – ein Novum, das lange undenkbar war. Auch Videozuschaltungen zu Ausschusssitzungen oder Abstimmungen per digitalem Verfahren werden in Pilotprojekten getestet. Die Sitzungskalender sind durch Berücksichtigung von Schulferien und Kita-Schließzeiten inzwischen familienfreundlicher geworden. Aber auch die Einführung von Kinderbetreuungsräumen in Parlamentsgebäuden wäre zu überlegen.
Bundestag: Digitalisierung und Kulturwandel gefragt
Auf Bundesebene ist die Herausforderung noch komplexer. Bundestagsabgeordnete pendeln häufig zwischen Wahlkreis und Berlin – oft Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Die Sitzungswochen im Reichstagsgebäude folgen einem strengen Rhythmus, und abendliche Plenarsitzungen bis weit nach 22 Uhr sind keine Seltenheit.
Claudia Müller, Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen), beschreibt den Alltag so:
„Ich habe zwei Kinder, die in Mecklenburg-Vorpommern leben. Wenn ich in Berlin bin, sehe ich sie oft eine ganze Woche lang nicht. Videotelefonate helfen, aber ersetzten nicht die Nähe. Viele Mütter scheuen sich deshalb, überhaupt für den Bundestag zu kandidieren.“
„Der Bundestag betreibt im Reichstagsgebäude seit fünf Jahren ein Spiel-, Wickel- und Stillzimmer. Darüber hinaus wurden in allen Liegenschaften Liege- und Wickelräume eingerichtet, in denen sich Schwangere oder stillende Mütter bei Bedarf ausruhen und in denen Eltern ihre Kinder wickeln können. Außerdem werden Eltern-Kind-Büros sowohl für Abgeordnete als auch für Beschäftigte des Hauses zur gemeinsamen Nutzung mit ihren Kindern bereitgestellt. In der Kindertagesstätte des Deutschen Bundestages, die im Wesentlichen Kinder der Beschäftigten aufnimmt, stehen zehn Plätze für Kinder von Abgeordneten zur Verfügung, weitere können bei entsprechender Kapazität angeboten werden.“ (WD 9 – 3000 – 012/22 des Deutschen Bundestages)
Doch sind, so sagen viele Abgeordnete, die Strukturen noch immer auf traditionelle Rollenbilder zugeschnitten seien. Tatsächlich ist der Bundestag bislang kein Vorreiter in Sachen Flexibilität – viele Abläufe sind traditionell, digitale Optionen werden zögerlich genutzt.
Familienfreundlichkeit endet bei der Tür des Plenarsaals. Reformvorschläge reichen von hybriden Sitzungsformaten über planbare Wochenstrukturen bis hin zu einem bewussteren Umgang mit Sitzungslängen. Eine Arbeitsgruppe innerhalb des Bundestages prüft derzeit, wie digitale Abstimmungsverfahren und bessere Kinderbetreuung während Plenarsitzungen umgesetzt werden könnten.
Zumindest hat seit dieser Legislaturperiode die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner erlaubt, Säuglinge mit in den Plenarsaal zu nehmen und die Bundestagsabgeordnete Hanna Steinmüller (Bündnis 90/Die Grünen) hat mit der ersten Rede mit Säugling am 23.9.25 Bundestagsgeschichte geschrieben.
Warum Familienfreundlichkeit Demokratie stärkt
Ein Vorbild könnten auch skandinavische Parlamente sein: In Schweden etwa ist Teilzeitpolitik möglich, und Sitzungen werden gezielt so gelegt und enden spätestens um 17 Uhr, so dass Abgeordnete mit Familienpflichten problemlos teilnehmen können. Solche Modelle wie in Skandinavien gelten als beispielhaft – auch, weil sie zu einem höheren Frauenanteil und größerer Altersvielfalt in den Parlamenten geführt haben.
Abgeordnete des Europäischen Parlaments sind für drei Monate vor der Geburt ihrer Kinder und für bis zu sechs Monate nach der Entbindung von der Teilnahmepflicht an offiziellen Sitzungen des Parlaments befreit. Für den Deutschen Bundestag gelten nur die Mindestregeln des deutschen Mutterschutzes.
Familienfreundliche Rahmenbedingungen sind nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch der Demokratiequalität. Wenn politische Ämter nur für Menschen mit überdurchschnittlicher zeitlicher und finanzieller Freiheit zugänglich sind, verengt sich das Spektrum an Erfahrungen und Perspektiven in der Politik.
Studien zeigen, dass Eltern – insbesondere Mütter – in Parlamenten stark unterrepräsentiert sind. Eine familienfreundlichere Parlamentskultur könnte helfen, diese Schieflage zu korrigieren und mehr Diversität in Entscheidungsprozesse zu bringen.
Darüber hinaus würde sie ein wichtiges Signal an die Gesellschaft senden: Dass politische Verantwortung und Familienleben keine Gegensätze, sondern vereinbare Lebensbereiche sein können.
Fazit: Der Weg zur modernen Parlamentskultur
Die Realität ist bisher leider oft schlicht unvereinbar mit modernen Lebensverhältnissen. Wer Familie hat, kann sich diese Form des Engagements kaum leisten. Und so bleiben die kommunalen Parlamente vielerorts männlich, älter und einseitig geprägt.
Gerade junge Frauen und Eltern bringen jedoch Perspektiven ein, die Kommunalpolitik dringend braucht: sie denken an Vereinbarkeit, bezahlbaren Wohnraum, Bildungsgerechtigkeit, Pflege und Nachbarschaft. Wenn ihre Stimmen fehlen, fehlen auch die Erfahrungen, die das Zusammenleben tatsächlich widerspiegeln.
Familienfreundliche Strukturen sind deshalb kein Zugeständnis, sondern eine Investition in die Zukunft der Demokratie. Wenn es gelingt, kommunale Mandate mit Familie, Beruf und Ausbildung zu verbinden, gewinnt nicht nur die Politik – sondern das ganze Gemeinwesen.
Die Politik selbst steht vor der Aufgabe, ihre eigenen Strukturen zu reformieren – hin zu mehr Flexibilität, Digitalisierung und Gleichberechtigung. Familienfreundliche Parlamente bedeuten nicht weniger Engagement, sondern eine neue, nachhaltigere Form von Engagement, die sich an den Realitäten des 21. Jahrhunderts orientiert.
Denn nur, wenn Politik Lebensrealitäten spiegelt, kann sie glaubwürdig gestalten und sie funktioniert nur, wenn alle eine Chance haben, mitzuwirken.
Erfolgreiche Ansätze und einige Praxisbeispiele
Autor: Detlef Döring
