Wie stellen Sie sich den Marienplatz vor?

Teilen statt trennen: Wie Shared Space den Verkehr neu denkt

Ein Platz für alle? Shared Space ist mehr als ein modisches Verkehrskonzept. Es ist der Versuch, Straßen wieder zu Orten der Begegnung zu machen. Ohne Ampeln, ohne Bordsteine, ohne starre Hierarchien zwischen Auto, Rad und Fußgänger. Stattdessen: Vertrauen, gegenseitige Rücksicht, klare Blickkontakte. Eine Idee, die verlockend klingt – und vielerorts bereits funktioniert.

Was ist Shared Space?

Das Konzept wurde in den Niederlanden entwickelt, unter anderem vom Verkehrsexperten Hans Monderman. Die Grundidee: Wenn Verkehrsregeln reduziert und Gestaltungsgrenzen aufgehoben werden, achten Menschen mehr aufeinander. Asphalt wird zur sozialen Fläche. Straßen zu Stadtplätzen. Der Verkehr verlangsamt sich, dafür steigt die Lebensqualität.

Weniger Regeln, mehr Miteinander Shared Space ersetzt klassische Verkehrsplanung durch ein Prinzip der Gleichberechtigung. Autofahrer, Radler, Fußgänger und auch mobilitäts-eingeschränkte Menschen bewegen sich gleichberechtigt in einem Raum. Studien zeigen: Die Unfallzahlen sinken, weil alle Beteiligten aufmerksamer sind. Tempo 20 wird zur Selbstverständlichkeit, nicht zur Vorschrift.

Wo funktioniert das? Besonders gut eignet sich Shared Space für innerstädtische Bereiche mit viel Fußgängeraufkommen, etwa Marktplätze, Bahnhofsbereiche oder Einkaufszonen. Erfolgreiche Beispiele finden sich in Bohmte (Niedersachsen) oder im schweizerischen Burgdorf. Auch Achim bei Bremen zeigt, wie Shared Space auf lokaler Ebene funktionieren kann: Dort wurde die Straße „Am Marktplatz“ zu einem offenen, gemeinsam genutzten Raum umgestaltet. Pflaster ersetzt Asphalt, Sitzgelegenheiten ersetzen Parkbuchten – mit spürbarem Erfolg für das Miteinander und die Aufenthaltsqualität.

Und Bad Aibling? Verpasste Chancen am Marienplatz

Auch bei uns war ein Shared Space geplant: Der Marienplatz, Herzstück der Innenstadt, sollte ein Ort der Begegnung werden. Doch statt einer mutigen Umsetzung wurde das Konzept entkernt. Heute haben wir eine „Zone 20“ mit klarer Wegeführung am Kreisel. Poller verhindern Wildparken, schaffen aber auch neue Barrieren. Eine einheitliche, offene Platzgestaltung? Fehlanzeige.

Der Vergleich mit Achim zeigt, was möglich wäre: Dort entschied man sich bewusst für eine einladende Fläche ohne starre Trennung. In Bad Aibling hingegen blieb man bei konventionellen Lösungen. Der Unterschied liegt nicht nur im Pflaster, sondern in der Haltung zur öffentlichen Fläche.

Warum hat es nicht geklappt? Vielleicht fehlte der Mut zur echten Veränderung. Vielleicht auch die Kommunikation über den Sinn und die Vorteile eines Shared Space. Statt Vertrauen in das soziale Miteinander regiert weiterhin die Logik des „geordneten Verkehrs“. Das ist schade. Denn Bad Aibling hätte hier Vorreiter sein können.

Ein Folgeproblem der halbherzigen Umsetzung zeigt sich im Alltag deutlich: Zwar sollen Menschen die Straße leicht queren können – und Autos eigentlich anhalten –, doch das setzt viel Vertrauen in die Aufmerksamkeit der Autofahrer voraus. Gerade für Menschen mit Kinderwagen, Rollatoren, Gehhilfen oder eingeschränkter Mobilität – vor allem natürlich auch für Kinder – wird das Queren zunehmend zur Herausforderung. Der gemeinsame Raum bleibt Stückwerk, wenn die Rücksichtnahme nicht durch die Gestaltung unterstützt wird.

Fazit: Raum braucht Haltung

Shared Space ist kein Patentrezept, aber ein starkes Signal für eine Stadtplanung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht ist es Zeit, das Konzept für Bad Aibling neu zu denken – nicht als Kompromiss, sondern als Einladung zum gemeinsamen Raum.

Wie stellen Sie sich den Marienplatz vor? Schreiben Sie uns: info@dasgruenezebra.info

Martina Thalmayr